• Rat des L-Netz

Stellungnahme rund um die Vorwürfe zur vergangenen Erstsemesterwoche

Mit etwas zeitlichem Abstand zu den Geschehnissen rund um ein im Internet gepostetes Video aus der vergangenen Erstsemesterwoche im Lehramtsstudium an der Goethe-Universität möchten wir mit dieser Erklärung noch einmal zu einigen Punkten Stellung beziehen, die zwar bereits ausgiebig in verschiedenen Treffen und Sitzungen Gegenstand von Diskussionen waren und über die sogar medial berichtet wurde. Auch wenn wir unseren Standpunkt und die Beurteilung der Angelegenheit bereits gegenüber diversen Gremien, Gruppen und Interessierten sowie gegenüber der Presse erklärt haben, wurde in den vergangenen Wochen immer wieder von verschiedenen Seiten ohne einen Austausch mit dem L-Netz in schlecht oder falsch informierter, meist undifferenzierter und pauschalisierender Art und Weise das betreffende Video im Besonderen und die Erstsemesterwoche im Allgemeinen zum Thema gemacht. Dies geschah meist ohne fundierte Kenntnisse der genauen Umstände und des Kontextes, in dem das Video entstand; ohne Rücksicht auf betroffene Personen; ohne Wissen über konkrete Abläufe und das umfassende Programm oder Abläufe der Erstsemesterwoche; und häufig ohne Interesse an Aufklärung oder einem von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung geprägten Diskurs. Insbesondere die Thematisierung der Erstsemesterwoche des Lehramts im Senat der Goethe-Universität durch die Grüne Hochschulgruppe veranlasst uns aktuell zu einer weiteren Klarstellung.


Mit der Veröffentlichung eines kurzen Videoausschnitts aus dem freien Abendprogramm am letzten Abend der Orientierungsphase und einem beigefügten Text über Facebook durch eine andere Fachschaft (03) sahen sich ein persönlich betroffener und beschuldigter ehemaliger Studierender, sowie alle an der Erstsemesterwoche beteiligten Personen und die Lehramtsfachschaft massiven öffentlichen Anschuldigungen, Anfeindungen und einer beispiellosen Diffamierung durch bewusste oder völlig fahrlässige und ungeprüfte Falschinformationen ausgesetzt.


Die gefilmte Szene zeigt eine größere Gruppe von Personen; Erstsemesterstudierende, Tutor*innen und weitere an diesem Abend Anwesende; die sich auf dem Weg in das offene und gesellige Abendprogramm befindet, auf den Treppen einer U-Bahn-Station. Dort werden in der Gruppe Gesänge, bzw. Sprechchöre angestimmt, die an solche aus Fußballstadien angelehnt sind. Im Detail wird der aus dem Frankfurter Stadion bekannte Gesang „Alles außer Frankfurt ist scheiße“ umgedichtet zum Ruf „Alles außer Lehramt ist scheiße“. Die Person, welche diesen Sprechchor anstimmt, ist ein ehemaliger Studierender und langjähriger ehemaliger Tutor, der an diesem Abend anwesend war, da er am Mittag bei einem Programmteil eine Helferaufgabe übernommen hatte und nun den geselligen abendlichen Ausklang mit der Gruppe verbringen wollte. (Zu Sprechchören im Allgemeinen und dem hier verwendeten Wortlaut weiter unten mehr)


In besagtem Facebookposting durch die Fachschaft 03 wird ein verkürzter und zurechtgeschnittener Videoausschnitt dieser Szene gezeigt. Darauf ist die anstimmende Person in der Personengruppe zu sehen, wie er Gesten mit den Armen vollzieht, um die Gruppe zum Schweigen zu bringen. Dabei hebt er nacheinander mit abgespreizten Fingern, beschwichtigenden Handbewegungen und unter der Ausrufung der motivierend gemeinten Parolen beide Arme nach oben – auf die größtenteils auf den Treppen über ihm stehende Menschengruppe deutend. Außerdem zeigt er der Gruppe zusätzlich durch einen an den Mund gelegten Finger ein Schweigesymbol, wodurch seine Intention unmissverständlich klar wird. Die Fachschaft 03 betitelt diese Armbewegungen als Hitlergruß und formuliert die These, hier zeige ein „Mentor der Erstsemesterwoche einen Hitlergruß“ und spricht von nationalsozialistischer Symbolik in der Erstsemesterwoche des Lehramts. In dem Post wird dabei die gesamte Szenerie aus dem tatsächlichen Kontext gerissen und in einen anderen; unterstellten – aber nachweislich falschen – Kontext gerückt. Es wird offensichtlich, dass sich die Fachschaft 03 entweder nicht die Mühe gemacht hat, sich genauer mit den tatsächlichen Geschehnissen auseinanderzusetzen (so handelt es sich schließlich auch nicht um einen „Mentor“) oder es findet eine bewusste Verkürzung von Videomaterial zur Verdrehung von Tatsachen und eine bewusst lancierte Falschinformation zu anderen Zwecken statt. Für uninformierte und unbeteiligte Personen, die zunächst den Postingtext lesen und sich verständlicherweise erschrecken und empören, kann insbesondere bei flüchtigem und tonlosem Sehen der dekontextualisierten Armbewegungen, ein folgenschweres Missverständnis entstehen – sodass der Post wie klassische Fake-News funktioniert. Die Fachschaft 03 hatte vor der Veröffentlichung nie ein Gespräch mit Vertreter*innen des L-Netz gesucht, um missverständliche Verdachtsmomente rechter Symbolik aufzuklären, sollte ihnen eine Kontextualisierung der Szenerie nach Ansicht des Videos nicht möglich gewesen sein. So ist es schließlich entweder eine bewusste Falschdarstellung durch die Instrumentalisierung des Videomaterials oder eine grob fahrlässige und ungeprüfte Erklärung nicht belegbarer – und schließlich auch falscher – Tatsachen, die einen großen Schaden anrichten.


Denn insbesondere für die beschuldigte Person, als auch für viele andere; auch im Video sichtbare; Lehramtsstudierende sowie die Fachschaft hatte der Post enorme negative Konsequenzen. Das Posting wurde zahlreich zunächst über Facebook und – als die Fachschaft 03 es dort löschen musste – auch über Twitter gemeinsam mit einem Shitstorm geteilt und verbreitet, wobei sowohl dem Beschuldigten, als auch Studierenden, die zur Aufklärung beitragen wollten, mehrfach körperliche Gewalt angedroht wurde. Der im Video fälschlich des Zeigens rechter Symbolik Beschuldigte wurde sogar wegen des Zeigens verfassungsfeindlicher Symbolik polizeilich angezeigt und muss sich dieser Vorwürfe seitdem unter Zuhilfenahme eines Rechtsbeistandes erwehren. Zudem wurde er wiederholt in seiner körperlichen Unversehrtheit bedroht und leidet überdies enorm unter der vollzogenen Stigmatisierung, die jeder Grundlage entbehrt. Zusätzlich muss er durch die Reichweite der Postings vor weiteren Beeinträchtigungen privater und beruflicher Art fürchten. Tatsächlich steht der Beschuldigte rechtem Gedankengut denkbar fern und gehörte auch niemals einer Gruppierung aus dem rechten Milieu an. Er hat sich zeitnah über seinen Rechtsbeistand in der Presse und über Fachschaftsvertreter*innen in hochschulpolitischen Gremiensitzungen erklärt und klar gegen jede Form von rechtem Gedankengut und rechter Symbolik positioniert. Die Lehramtsfachschaft bezeichnet diese persönlichen Erklärungen des langjährig bekannten ehemaligen Tutors als absolut authentisch und glaubhaft und hält jeden Verdacht gegen ihn für unbegründet. Inzwischen haben auch zahlreiche Studierende, die am betreffenden Abend anwesend waren, in persönlichen Erklärungen versichert, zu keinem Zeitpunkt einen Hitlergruß wahrgenommen oder als intendiert wahrgenommen zu haben, da der komplette Bewegungsablauf in einem gänzlich anderen, klar erkennbaren; und den Anwesenden bekannten Kontext stattgefunden hat.


Es ist beispiellos, wie von verschiedener Seite ohne fundierte Recherchen und die Suche eines Gesprächs mit beteiligten Personen Behauptungen formuliert wurden, die für eine Einzelperson solch weitreichende persönliche Konsequenzen haben und haben können. Verschiedenen Gruppierungen und Personen schien eine persönliche Profilierung dabei deutlich wichtiger, als eine Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Vorgängen. Eine Instrumentalisierung für politische Auseinandersetzungen mit der Universität war dabei wohl höherwertig als Rücksicht vor einem Einzelschicksal und eine Klärung der in die Welt gesetzten haltlosen Vorwürfe schien definitiv kein Ziel zu sein. Dabei schienen manche Akteure auf absurde Weise sogar ein zeitweises Interesse daran zu haben, dass die Vorwürfe zutreffen – anstatt diese gemeinsam mit beteiligten und betroffenen Personen zu klären. Auch in der medialen Darstellung kam es in ersten Veröffentlichungen zu schlecht recherchierten, undifferenzierten, tendenziösen und falschen Berichten; die zum Teil nachträglich relativiert werden mussten. Dies war für alle Beteiligten eine schockierende Erfahrung.


Für die Lehramtsfachschaft war es unerträglich, dass dabei auch suggeriert wurde, in einer vom L-Netz mitverantworteten Veranstaltung würde rechte Symbolik oder rechtes Gedankengut geduldet. Wir sind eine tolerante, weltoffene Fachschaft, die sich klar gegen Rechts positioniert und engagiert. Und diese Haltung vermitteln wir auch in von uns organisierten Veranstaltungen und erwarten sie ebenso von den Teilnehmenden. Auch für die anwesenden Lehramtsstudierenden waren und sind diese haltlosen und grob diffamierenden Unterstellungen nicht akzeptabel, was viele von ihnen auch in persönlichen Erklärungen verlauten lassen. Auch die dadurch vollzogene Kausalkette, im Lehramtsstudium an der Goethe-Universität gäbe es entweder rechte Tendenzen oder doch zumindest eine Bereitschaft solche zu dulden, ist für keinen Lehramtsstudierenden in Frankfurt hinnehmbar. Es ist unverständlich und schockierend, wie schnell Falschinformationen derartiger Tragweite auch von Dritten verbreitet und ungeprüft übernommen wurden.


Anstoß genommen wurde von verschiedener Seite am Auftreten der zur Erstsemesterwoche gehörigen Studierendengruppe bezüglich der gerufenen Sprechchöre. Wir können verstehen, dass der Wortlaut „Alles außer Lehramt ist scheiße“ auf Außenstehende befremdlich wirken kann. Wir wollen dieses Empfinden weder abwerten noch bagatellisieren, sondern nehmen es sehr ernst. Tatsächlich wurde dieser sportlich oder auch albern gemeinte Sprechchor vor einigen Semestern von häufigen Stadiongängern in die Erstsemesterwoche getragen und dort ohne böse Absicht vor allem in früheren Semestern häufig intoniert. Sicherlich handelt es sich hier um eine Handlung aus der Gruppe heraus, die definitiv im universitären Kontext unreflektiert ist, letztlich aber vor allem albern und unüberlegt. Den Organisatoren der O-Phase ist dies bewusst. In den vergangenen Semestern wurde bereits sehr erfolgreich darauf eingewirkt, dass an der Erstsemesterwoche beteiligte Gruppen im offiziellen Programm der O-Phase und auf dem Gelände der Universität auf ein solches Verhalten verzichten und für ein reflektiertes Auftreten sensibilisiert.


Dass der Sprechchor im inoffiziellen und freien Abendprogramm und außerhalb des Universitätsgeländes dennoch von einer der O-Phase zugehörigen Gruppe angestimmt wird, ist definitiv unglücklich. Stellvertretend entschuldigt sich das L-Netz daher bei allen Angehörigen der Universität, die daran Anstoß genommen haben und von diesem Auftritt befremdet waren. Trotzdem wollen wir bei aller berechtigten Kritik darum bitten, auch bei dieser ein Maß zu finden, das einen gemeinsamen und respektvollen Austausch weiterhin ermöglicht.


Sehr bedauerlich finden wir, dass seitens der Grünen Hochschulgruppe ein Antrag im Senat eingereicht wurde, in dessen Wortlaut und Begründung Aussagen getroffen werden, die mit dem tatsächlichen Ablauf und dem Miteinander in der O-Phase nichts zu tun haben. Hieraus wird deutlich, dass sich die Antragsstellenden weder mit der tatsächlichen Struktur und den Abläufen in der Erstsemesterwoche des Lehramts auseinandergesetzt haben, noch zeigen sie eine Bereitschaft zur Klärung etwaiger Missverständnisse oder einem ernstzunehmenden Dialog.


Die O-Phase ist in jedem Semester für mehrere hundert Erstsemesterstudierende eine überaus gut angenommene und von diesen auch außerordentlich positiv wahrgenommene Veranstaltung. Dies zeigen uns nicht nur die Teilnehmendenzahlen während der gesamten Veranstaltung, sondern auch die zahlreichen positiven Rückmeldungen und Dankesbekundungen; der große Zulauf an ehrenamtlichen Helfer*innen und die vielen Gruppen, die Jahre nach ihrer Einführungswoche noch regen Kontakt pflegen. Dabei liegt der Fokus des Organisationsteams darauf, den Erstsemesterstudierenden einen gelungenen Start in ihre Studienzeit zu ermöglichen. Dazu gehört natürlich das Kennenlernen zukünftiger Kommiliton*innen, das Entdecken der Universität als auch der Stadt Frankfurt und selbstverständlich eine Unterstützung durch Studierende höherer Semester in der Studienorganisation. Dies geschieht in unterschiedlichsten Formaten, zu denen Informationsveranstaltungen und Führungen, wie auch spielerische und erlebnispädagogisch inspirierte Programmpunkte wie Campusrallyes gehören. Auch ein geselliger Ausklang am Abend ist Teil dieses studentisch organisierten Programms. Dabei wird zu jedem Zeitpunkt seitens des Organisationsteams, aber auch von den unterstützenden Tutor*innen darauf geachtet, dass in der O-Phase eine von Wertschätzung, Hilfsbereitschaft, Freundschaft, Toleranz, Offenheit und gegenseitigem Respekt geprägte Atmosphäre besteht, in der sich alle Teilnehmenden wohl fühlen können sowie angenommen, akzeptiert und gewertschätzt. Insbesondere aus diesem Grund erfreut sich die O-Phase auch so großer Beliebtheit unter den Erstsemesterstudierenden, von denen die meisten im durchaus anstrengenden viertägigen Programm durchgehend teilnehmen. Und auch deshalb gibt es so viele Lehramtsstudierende, die die O-Phase gerne als Tutor*innen unterstützen möchten und dies auch Semester für Semester tun.


Das Organisationsteam hat in den vergangenen Semestern zahlreiche Neuerungen eingeführt, die eine solche Atmosphäre und ein positives Gelingen der Erstsemesterwoche weiter unterstützen und fördern. Dazu zählen unter anderem regelmäßige Reflexionstreffen aller beteiligter Tutor*innen, anonymisierte Feedbackbögen für Teilnehmer*innen und Tutor*innen oder auch männliche und weibliche Vertrauenspersonen als Awareness-Team während des viertägigen Programms. Wir laden alle Interessierten dazu ein, mit uns ins Gespräch über Abläufe, Organisationsformen oder mögliche Veränderungen zu kommen und freuen uns, wenn Interesse an solchen Gesprächen besteht. Dies setzt aber ein grundlegendes Maß an Offenheit und gegenseitiger Wertschätzung sowie eine tatsächliche Bereitschaft zum Dialog voraus, die nicht davon geprägt sein darf, öffentliche Vorwürfe und eigene Profilierung einem solchen echten Dialog überzuordnen.


Der Rat des L-Netz (Fachschaft Lehramt Uni Frankfurt)

Frankfurt am Main, im Dezember 2019

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